Eine Technologie, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten kann, entwickelt an einer Thüringer Hochschule. Technologisch interessant, gesellschaftlich relevant und trotzdem ist der Weg von der Forschung zum Markt holprig.
Warum das so ist, das haben wir bei einem Besuch von Tino Rhein vom Patentmanagement Thüringer Hochschulen (PATON-PTH) erfahren.
Wie entscheidet PATON-PTH, welche Erfindungen das Potenzial für den Markt haben und wie geht es danach weiter?
An den Hochschulen findet sich eine enorme Vielfalt an Erfindungen und nicht alle sind projektgebunden. Manche entstehen aus Doktorarbeiten oder sind beiläufige Ergebnisse der Auftragsforschung. Die Bewertung und Verwertung dieser freien Patente ist die Hauptaufgabe von PATON-PTH. Die Patentfähigkeit stellen wir anhand einer Neuheitsrecherche nach festen Kriterien fest. Hierfür nutzen wir verschiedene Dienstleister, in der Regel die Rechercheabteilung des PATON. Das Ergebnis bildet die Grundlage zur Einschätzung der Neuheit der Erfindung. In der Frage der Verwertbarkeit einer Erfindung suchen wir potenzielle Anwendungen und Anwender sowie mögliche Geschäftsfelder. Daraus entsteht eine Empfehlung für die Hochschule, ob sie die Erfindung annehmen sollen und diese zum Patent anmelden oder dem Erfinder freigeben sollte. Erst nach einem erfolgten Patentantrag geht es um die Verwertung, d.h. wir suchen Lizenznehmer oder Käufer für Patente und gegebenenfalls auch Forschungs- oder Projektpartner für Auftragsforschung.
Warum schaffen es viele gute Hochschulerfindungen trotzdem nicht auf den Markt?
Hochschulen sind teilweise bei bestimmten Technologien viele Jahre voraus. Es handelt sich selten um ein fertiges Produkt. Die meisten Technologien liegen bei einem Reifegrad von drei bis fünf. Unternehmen können oft schwer einschätzen, wie sie sich an einer noch nicht marktreifen Technologie beteiligen können. Eine weitere Hürde ist, dass Hochschulen und Unternehmen nicht voneinander wissen. Ein Unternehmen ist auf der Suche nach einem neuen Schweißverfahren und irgendwo an einer Hochschule gibt es vielleicht eine Erfindung, die genau dazu passen würde. Außerdem publizieren die Hochschulen hauptsächlich in ihren Fachkreisen und treten mit ihren Erfindungen zu wenig nach außen. Das Verknüpfen all dieser Informationen ist ein großes Problem und unsere Aufgabe.
Wie finden Sie das Unternehmen, das zu einer Erfindung passt?
Bei PATON-PTH versuchen wir, Verwertungspartner möglichst regional zu finden. Wir recherchieren über das Internet und versuchen, Übereinstimmungen mit Thüringer Unternehmen zu finden. Das gelingt nicht immer. Daher sind wir jährlich auf dem Gemeinschaftsstand „Forschung für die Zukunft“ auf der Hannover Messe oder der Kooperationsinitiative von Sachsen-Anhalt und Thüringen vertreten. Häufig entsteht aus einem solchen Messegespräch dann ein konkreter Kontakt. Wir nutzen auch die Möglichkeit mit der LEG auf Messen zu gehen zum Beispiel 2026 mit der „smarter E Europe“ oder der „InnoTrans 2026“.
Ist die Partnersuche nicht erfolgreich, erweitern wir unseren Suchradius auf ganz Deutschland und fragen schließlich auch bei international tätigen Firmen an. Für letztere wären internationale Patentanmeldungen interessant, die also nicht nur in Deutschland gelten. Allerdings haben die Hochschulen für diese teuren Verfahren nur selten Budget.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Chancen für Thüringen und was müsste sich beim Wissenstransfer noch verbessern?
Wir verfügen über eine enorme Vielfalt an Erfindungen, die fast alle Forschungsbereiche abdecken. Ein Beispiel aus der TU Ilmenau ist eine Fotozelle, ähnlich einer Solarzelle, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten kann. Oder die Bauhaus-Universität hat hochverdichtete Strohbausteine als nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Tonlehmziegeln entwickelt.
Das Problem ist die Sichtbarkeit. Die Innovationsfähigkeit der Hochschulen wird meiner Meinung nach nicht gut genug dargestellt. Fachgebiete publizieren in ihren Fachkreisen, aber die Unternehmen bekommen davon zu wenig mit. Erfolgreiche Unternehmen haben verstanden, dass sie auf sich aufmerksam machen müssen. Bei Hochschulen ist das ähnlich. Die Erfindungen müssen stärker nach außen getragen werden.
Was kann eine Erfindung schon vor der Patentanmeldung gefährden?
Probleme treten auf, wenn Informationen zu früh veröffentlicht werden. Ein Social-Media-Post oder ein Interview kann im ungünstigsten Fall schon dazu führen, dass die Neuheit verloren geht und es mit der Patentierung nicht funktioniert. Ein Patent wird zudem nach 18 Monaten veröffentlicht und damit für alle einsehbar. Daher ist es wichtig zu wissen, ob man die Erfindung Technologie besser geheim hält.
Ist ein Patent also nicht immer die beste Lösung?
Es gibt verschiedene Patentstrategien und man muss abwägen, was für die jeweilige Erfindung sinnvoll ist. Ein Patent kann den Wert von Unternehmen mitbestimmen. Wenn ich wichtige Innovationen nicht schütze, verliere ich unter Umständen einen Wettbewerbsfaktor. Manche Technologien sind besser als Betriebsgeheimnis aufgehoben. Gleichzeitig sind Patentierungen, insbesondere über Ländergrenzen hinaus, sowie die Schutzrechtüberwachung teuer. Man sollte also genau prüfen, welche Länder relevant sind. Das PATON bietet kostenfreie Erfindererstberatung durch Thüringer Patentanwälte an.
Welche Rolle spielen Ausgründungen und Start-ups bei der Verwertung von Forschungsergebnissen?
Bei Ausgründungen kann ein Patent die Grundlage für ein Start-up sein. Gerade wenn man eine Technologie aus der Hochschule heraus in ein Unternehmen überführen möchte, ist das Schutzrecht ein wichtiger Bestandteil. Patentverwertung muss nicht immer bedeuten, dass ein bestehendes Unternehmen eine Lizenz nimmt, sondern dass aus der Erfindung eine Ausgründung entsteht, mit deren Patent als wichtige Grundlage. Ein Start-up kann also auf einer Erfindung und dem dazugehörigen Schutzrecht aufbauen.
In welchen Technologiefeldern hat Thüringen besonderes Potenzial?
Wir haben eine sehr große Bandbreite. Zukunftsthemen wie Energie, Wasserstoff, KI und Gesundheit sind natürlich besonders interessant. Auf Messen merkt man auch, dass gesellschaftlich relevante Themen stärker wahrgenommen werden, beispielsweise Innovationen im Energiebereich oder technische Entwicklungen wie Orthesen.
Welche Rolle wird KI künftig bei der Patentverwertung spielen?
KI kann bei der Recherche und beim Finden von Partnern sehr hilfreich sein. Die eigentliche Bewertung und die Entscheidung über die Verwertungsstrategie bleiben aber eine fachliche Aufgabe. Wenn eine Erfindung noch nicht veröffentlicht ist, dürfen wir keine Informationen in externe KI-Systeme eingeben. Dafür gibt es interne Lösungen.
Können Sie eine konkrete Erfolgsgeschichte nennen, bei der aus einer Hochschulerfindung tatsächlich ein Produkt, eine Kooperation oder eine Ausgründung entstanden ist?
Eine konkrete Erfolgsgeschichte ist die Verwertung von Erfindungen zur Partikelemissionsmessung, zur hochgenauen Präzisionsmesstechnik sowie eines passiven Exoskeletts für Hebevorgänge, aus denen Kooperationen und marktfähige Anwendungen entstanden sind.
Welche Trends gibt es derzeit bei der Patentverwertung zu beobachten?
Ein großer Trend ist sicherlich, dass man stärker über die reine Patentierung hinausdenkt. Es geht nicht nur darum, ein Patent anzumelden, sondern darum, mögliche Märkte und Geschäftsfelder zu identifizieren, Entwicklungsbereiche zu entdecken und passende Unternehmen zu finden. Dazu gehören auch Benchmarking und Scoring.
Welche Botschaft möchten Sie Thüringer Unternehmen und Forschenden mit auf den Weg geben?
Den Forschenden würde ich vor allem sagen: Nicht zu früh veröffentlichen. Erst prüfen lassen, ob eine Erfindung schutzfähig ist und welche Strategie sinnvoll ist. Und den Unternehmen würde ich sagen: Schauen Sie stärker, was an den Hochschulen in der Region passiert. Viele Erfindungen sind noch kein fertiges Produkt. Aber genau darin liegt die Chance: Unternehmen können sich an der Entwicklung beteiligen und gemeinsam mit den Hochschulen aus einer Technologie etwas Marktfähiges machen. Patente sind nicht nur ein Schutzinstrument. Sie können Wettbewerbsvorteile sichern, den Wert eines Unternehmens bestimmen und die Grundlage für eine Ausgründung oder eine Kooperation bilden.




