Pfiffige Ideen entstehen täglich in Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Doch zwischen der Idee und einer marktreifen Entwicklung liegt oft ein langer Weg. Häufig fehlt es an Feedback, Anwendungspartnern, Sichtbarkeit oder Finanzierungsmöglichkeiten.
Eine wertvolle und systematische Ergänzung zur klassischen Forschung und Entwicklung, bei der Akteure traditionell erst in späten Phasen eingebunden werden, ist Open Innovation. Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Statt Entwicklungen überwiegend innerhalb der eigenen Organisation voranzutreiben, werden zusätzlich externe Akteure frühzeitig eingebunden. Dazu gehören Kunden, Unternehmen, Forschungspartner, Investoren oder sogar interessierte Bürgerinnen und Bürger. Die Idee dahinter: Wer frühzeitig Feedback erhält, unterschiedliche Perspektiven einbindet und potenzielle Anwender beteiligt, entwickelt bedarfsgerechtere Lösungen und reduziert gleichzeitig das Innovationsrisiko.
Wie man diesen Weg gehen kann und für welche Themen sich Open Innovation eignet, darum ging es am 18.08.2026 in unserem InnoPRO: „Exchange – Forschung und Innovation wirkungsvoll skalieren“. Mit ihrer Expertise vertreten waren das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), das eine digitale Plattform entwickelt hat, um diese Methode in Deutschland salonfähig zu machen. Zudem referierten, der Stifterverband und die Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema kollaborative Innovationsprozesse und Matching-Plattformen, um Ideen schneller in Kooperationen und Anwendungen zu überführen.
Für alle, die unser Format noch nicht kennen: Mit den InnoPROs bringen wir Wirtschaft und Wissenschaft an einen Tisch. Ziel ist es, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln, Wissen auszutauschen und Innovationspotenziale sichtbar zu machen.
Das Thema schien einen Nerv getroffen zu haben, denn der Raum im Krämerloft in Erfurt war bis auf den letzten Stuhl gefüllt mit Vertretern aus Wissenschaft, Unternehmen und Start-ups, die sich nach neuen Wegen für Innovationsprozesse umschauen wollten.
Also: Wie gelingt es mit Open Innovation, Forschung und Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen?
Europa hat viele gute Ideen. Aber was passiert danach?
Gleich zu Beginn wurde deutlich, dass Innovation und der Kampf um die technologische Vorherrschaft nicht überall auf der Welt gleich funktioniert. In Europa wird Innovation noch stark von wissenschaftlicher Exzellenz, Talenten und hohen Qualitätsstandards getrieben und weniger vom Markt her (siehe Abbildung 1). Die Problematik dieser Vorgehensweise wurde im Verlaufe der Veranstaltung deutlich: Innovation beginnt mit Idee, aber auch vielen Hürden, Ergebnisse gelangen oft nicht auf den Markt, Ideen bleiben stecken oder ihnen fehlt ein Bezug zur Realität. Dagegen baut China gezielt Technologiemärkte durch massive Investitionen auf; die USA verbinden technologische Spitzenleistungen mit Kapital und Unternehmertum.
Die zentrale Botschaft lautet daher: Die entscheidende Frage ist nicht nur, wer die besten Ideen hat. Entscheidend ist, welches Innovationsökosystem daraus am schnellsten skalierbare Wertschöpfung entwickelt.
Im Vergleich der drei Länder bzw. Regionen (siehe Abbildung 2) ergibt sich ein relativ klares Bild: China und die USA sind derzeit besonders gut darin, Innovationen schnell zu skalieren, neue Technologiefelder zu erschließen und daraus Markterfolg zu entwickeln. Europa übernimmt dagegen häufig früher Verantwortung für Nachhaltigkeit, Sicherheit, Datenschutz und gesellschaftliche Auswirkungen. Das wird teilweise als Nachteil gesehen, weil es Entwicklungen verteuert oder verlangsamt.
Gerade im Zuge des Wandels globaler Innovationsökosysteme sollte diese Verantwortung jedoch nicht primär als Wettbewerbsnachteil, sondern als strategischer Entwicklungspfad verstanden werden. Sie bietet Europa die Chance, in ausgewählten Technologiefeldern eine führende Rolle einzunehmen und sich durch vertrauenswürdige, nachhaltige und gesellschaftlich akzeptierte Innovationen zu differenzieren.
Crowd Innovation als Tool von Open Innovation nutzen:
Crowd Innovation ist ein Werkzeug von Open Innovation. Ziel ist es, viele Menschen an Innovationen zu beteiligen, mit ihrem Know-how, aber auch als Geldmittelgeber für Projekte („Crowd Funding“).
Im Zuge dessen hat das Fraunhofer ISI ihre Crowd Innovation Plattform vorgestellt. Dabei handelt es sich nicht nur um eine digitale Plattform, sondern um einen methodisch begleiteten Prozess, mit dem externe Akteure gezielt in Innovations- und Transfervorhaben eingebunden werden.
Dafür nutzt das Fraunhofer ISI sogenannte Innovation Challenges. Organisationen können konkrete Fragestellungen auf die Plattform geben und gezielt Rückmeldungen aus unterschiedlichen Zielgruppen einholen. Je nach Zielsetzung können dabei offene Formate mit einer breiten Öffentlichkeit oder geschlossene Challenges mit ausgewählten Fachcommunitys, Industriepartnern, Investoren oder wissenschaftlichen Netzwerken durchgeführt werden.
Das Angebot richtet sich an Unternehmen, Start-ups und Ausgründungen, Forschungseinrichtungen sowie Fördermittelgeber, Stiftungen und öffentliche Institutionen. Ebenso angesprochen sind Verbände sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger, die sich aktiv an Innovationsprozessen beteiligen möchten.
Unternehmen können neue Anwendungen, Produkte und Geschäftsmodelle validieren sowie ein besseres Verständnis ihrer Zielmärkte gewinnen. Forschungseinrichtungen erhalten die Möglichkeit, Anwendungspartner für ihre Forschungsergebnisse zu finden und deren Transfer in die Praxis zu beschleunigen. Fördermittelgeber, Stiftungen und öffentliche Institutionen können gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam mit relevanten Akteuren adressieren. Gleichzeitig bietet das Angebot Verbänden sowie Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, ihre Erfahrungen, Perspektiven und Bedarfe in die Entwicklung neuer Lösungen einzubringen.
Wo liegen die größten Herausforderungen der Teilnehmer? Ein Blick in die Diskussion
Besonders spannend wurde es im anschließenden Austausch zwischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Stiftungen, Start-ups und Transferakteuren. Im Kern ging es um dies Frage: Wie können wir technische Möglichkeiten schnell in marktfähige Produkte und notwendige Pilotprojekte überführen sowie das notwendige Kapital dafür bekommen?
Forschung sucht Anwendungen, Unternehmen suchen Lösungen
Viele Forschungseinrichtungen verfügen über vielversprechende Technologien und exzellente wissenschaftliche Ergebnisse, haben jedoch oft Schwierigkeiten, frühzeitig geeignete Anwendungspartner zu finden und Marktpotenziale realistisch einzuschätzen bzw. Skalierungskosten adäquat zu überbrücken. Daher besteht ein wachsender Bedarf, die „richtigen“ Forschungsvorhaben bereits in frühen Entwicklungsphasen mit potenziellen Anwendern, Praxispartnern und dem Markt zu spiegeln. Insbesondere bei Technologien in den Technologiereifegraden TRL 5 bis 7 spielen Fragen der Validierung, Pilotierung und Finanzierung eine wichtige Rolle. Crowdsourcing kann hierbei unterstützen, indem es frühzeitig Feedback zu Anwendungsfällen, Nutzeranforderungen und Marktchancen liefert.
Unternehmen wollen Bedarfe besser verstehen
Auf Unternehmensseite stand weniger die Entwicklung neuer Technologien als vielmehr die Frage nach Pilotkunden im Mittelpunkt. Diskutiert wurde beispielsweise, wie Produktstrategien systematischer entwickelt werden können und wie sich frühzeitig herausfinden lässt, ob für neue Produkte oder Dienstleistungen überhaupt ein relevanter Markt existiert.
Ein konkretes Beispiel war die Überlegung, eines genaueren Wetterradars als Produkt oder Service anzubieten. Bevor erhebliche Entwicklungsressourcen investiert werden, stellt sich die entscheidende Frage: Wer benötigt diese Lösung tatsächlich und welchen konkreten Mehrwert würde sie bieten? Offene Innovationsansätze ermöglichen genau diese Form der Validierung, indem potenzielle Nutzer frühzeitig eingebunden werden.
Start-ups stehen oft zwischen Technologie und Markt
Bei Start-ups und Ausgründungen liegt das Problem häufig nicht in der Technologie selbst, sondern in der Priorisierung der richtigen Anwendung. Viele junge Unternehmen verfügen über innovative technologische Lösungen, stehen jedoch vor der Frage, welches Problem damit zuerst gelöst werden sollte.
Forschung sichtbarer machen und schneller in die Anwendung bringen mit Hilfe starker Partner und Matching-Plattformen
Ein weiteres Thema des Nachmittags war die Diskussion über eine mögliche Forschungs-Matching-Plattform. Grundzüge der Idee eines Trusted Data Centers entstanden bereits im Foresight-Prozess 2026 und sollten nun gemeinsam weitergedacht werden. Ziel ist es, Forschungsergebnisse, Unternehmen, Anwender und Umsetzungspartner deutlich schneller zusammenzubringen. Denn häufig existieren passende Lösungen bereits. Sie finden nur nicht die richtigen Partner bzw. das Innovationsökosystem.
Eine Matching-Plattform, die bereits bestehende Lösungen aus anderen Forschungsprojekten integriert, könnte hier als zentrale Schnittstelle fungieren. Forschungseinrichtungen würden die Möglichkeit erhalten, ihre Ergebnisse und Kompetenzen sichtbarer zu machen, während Unternehmen gezielt nach Lösungsansätzen für konkrete Herausforderungen suchen könnten. Gleichzeitig ließen sich potenzielle Anwender, Investoren und Entwicklungspartner frühzeitig einbinden. Dadurch könnten Innovationsprozesse beschleunigt, Doppelentwicklungen vermieden und Forschungsfördermittel wirksamer eingesetzt werden.
In der Diskussion wurde deutlich, dass der Erfolg einer solchen Plattform nicht allein von der technischen Infrastruktur abhängt. Ebenso wichtig sind vertrauenswürdige Rahmenbedingungen, transparente Daten- und Zugriffsrechte, angemessener Umgang mit IP-Rechte sowie ein aktives Netzwerk, das den Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft fördert. Wissenschaftler sind in der Regel bereit Ihre Ergebnisse zu präsentieren, Technologie-Unternehmen suchen immer nach Neuem, jedoch muss es intuitiv und zum Schluss persönlich sein. Die Plattform kann dabei den ersten Kontakt und das initiale Matching deutlich erleichtern. Die eigentliche Zusammenarbeit entsteht jedoch weiterhin durch den persönlichen Austausch und den Aufbau von Vertrauen zwischen den beteiligten Akteuren.
Unser Fazit
Die intensive Diskussion hat gezeigt, dass diese Veranstaltung fortgesetzt werden sollte. Denn Thüringen verfügt über starke Forschungs- und Innovationskompetenzen und Ideen; es fehlen jedoch Möglichkeiten, diese schneller in Anwendungen und Wertschöpfung zu überführen. Crowd Sourcing, Crowd Funding und Matching-Plattformen können dabei wichtige Werkzeuge sein. Sie helfen, Marktbedarfe frühzeitig sichtbar zu machen, neue Partner zu gewinnen und Innovationen gemeinsam weiterzuentwickeln.







