Wer an Luft- und Raumfahrt denkt, denkt meist an große Flugzeugbauer, Raketenstarts oder Satelliten im All. Das Land Thüringen kommt dabei nur selten in den Sinn. Zu Unrecht: Im Freistaat entstehen hochpräzise Optiken, Sensoren, Elektronik und weitere Schlüsseltechnologien, ohne die moderne Luft- und Raumfahrt kaum denkbar wäre. Der 1. Thüringer Luft- und Raumfahrttag hat diese oft verborgenen Stärken erstmals ins Rampenlicht gerückt und gezeigt, welches Potenzial in Thüringen steckt.
Rund 300 Teilnehmende, 39 Aussteller sowie zahlreiche Unternehmen, Forschungseinrichtungen und politische Entscheider kamen Anfang Oktober in Jena zusammen, um über die Zukunft einer Branche zu diskutieren, die weltweit auf Wachstumskurs ist. Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Luft- und Raumfahrttechnik Sachsen|Thüringen e. V. wollten wir als LEG Thüringen ein Format schaffen, das die Potenziale der Branche sichtbar macht und wichtige Entscheiderinnen und Entscheider enger miteinander vernetzt. Im Mittelpunkt des Tages, für den wir in den Kongressbereich des neuen Jenaer Fußballstadions geladen hatten, stand dabei eine zentrale Frage: Wie können die vorhandenen Kompetenzen in Thüringen künftig noch stärker für die internationale Luft- und Raumfahrt genutzt werden?
Thüringen ist nicht der klassische Luft- und Raumfahrtstandort. Aber wir verfügen über zahlreiche Technologien und Kompetenzen, ohne die die moderne Luft- und Raumfahrt heute nicht denkbar wäre. Optik und Photonik, Sensorik und Mikroelektronik, Präzisions- und Messtechnik, Materialbearbeitung, Maschinenbau oder Digitalisierung gehören zu den traditionellen Stärken unseres Wirtschafts- und Forschungsstandorts. Diese Kompetenzen wollen wir noch stärker für die Luft- und Raumfahrt nutzbar machen.
Starke Kompetenzen made in Thüringen
Mehr als 100 Unternehmen und Institutionen im Freistaat entwickeln oder produzieren bereits heute Produkte mit Bezug zur Luft- und Raumfahrt. Rund 11.000 Arbeitsplätze sind unmittelbar oder teilweise mit diesem Technologiefeld verbunden. Auch die Thüringer Forschungslandschaft mit mehreren Hochschulen sowie mit Einrichtungen von Fraunhofer, Leibniz und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) verfügt über zahlreiche Anknüpfungspunkte. Diese Stärken wurden beim Luft- und Raumfahrttag eindrucksvoll sichtbar.
Bereits am Vormittag boten Unternehmens- und Institutsbesuche interessante Einblicke in die Welt der Thüringer Luft- und Raumfahrt. Am Nachmittag diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik dann über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Marktchancen der Branche. Die seien auch durch die Einsatzmöglichkeit vieler Innovationen als Dual-use-Technologien mit Blick auf den wachsenden Defense-Markt durchaus in mehrerlei Hinsicht gegeben. Aktuell befindet sich zudem die Raumfahrtindustrie in einem starken Wettbewerb der Regionen um die Vergabe von Forschungs- und Produktionsaufträgen; weltweit wetteifern Länder aus unterschiedlichen Intentionen heraus um die Erschließung und Erforschung des Weltraums und das Schreiben eines neuen Kapitels Weltraumgeschichte.
Thüringer Technologien sind in diesem Wettlauf schon heute gefragt und kommen regelmäßig bei internationalen Luft- und Raumfahrtprojekten zum Einsatz. So liefert etwa Jena-Optronik Sternsensoren, die Satelliten und Raumfahrzeugen die Orientierung und Lagebestimmung im Weltraum ermöglichen. Auch beim Artemis-Mondprogramm der NASA ist Technik aus Jena an Bord. Jenoptik lieferte 2020 optische Technologien für eine Marsmission der NASA. Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik (IOF) entwickelt unter anderem hochpräzise Optiken und Systeme für Satelliten, Erdbeobachtung und Quantenkommunikation. Das Leibniz-Institut für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) war mit Sensorik an Mond- und Marsmissionen beteiligt.
Auch in der Luftfahrt verfügt Thüringen über etablierte Unternehmen. N3 Engine Overhaul Services in Arnstadt ist ein europäisches Kompetenzzentrum für die Wartung und Reparatur großer Rolls-Royce-Triebwerke. Die SOMAG AG in Jena entwickelt hochpräzise Stabilisierungssysteme für Kameras und Sensoren, die unter anderem in Flugzeugen, Hubschraubern und Drohnen eingesetzt werden.
Identifiziert: Chancen für Wachstum
Als Wirtschaftsfördergesellschaft des Freistaats verfolgen wir das Ziel, Zukunftsbranchen zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts weiter auszubauen. Der Thüringer Luft- und Raumfahrttag ist jüngstes Beispiel unseres Anspruchs. Die Veranstaltung brachte Akteure zusammen, die vielfach bereits heute an Lösungen für internationale Luft- und Raumfahrtanwendungen arbeiten. Gleichzeitig entstanden neue Kontakte zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Netzwerken und politischen Entscheidungsträgern. Genau diese Vernetzung ist ein wichtiger Baustein, um Innovationspotenziale zu heben und neue Wertschöpfung für Thüringen zu schaffen. „Die Teilnehmerzahl in Höhe von rund 300 sowie die insgesamt 39 Aussteller zeigen zum einen, dass Thüringen auch in diesem Bereich ein leistungsfähiger Hochtechnologiestandort mit international sichtbaren Kompetenzen ist; zum anderen wird deutlich, dass unsere Unternehmen und Branchenakteure die großen Chancen in diesem Feld wahrnehmen“, erklärt LEG-Geschäftsführer Andreas Krey.
Rückenwind für eine Branche mit Zukunft kommt dabei auch aus der Politik: Neben Mario Voigt, Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, und Elisabeth Kaiser, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, unterstrich Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John die Chancen, die sich für den Standort ergeben.
Gute wirtschaftliche Perspektiven der Branche
Nach dem aktuellen „Employment Barometer 2026“ von EY-Parthenon verzeichneten die Luft- und Raumfahrt- sowie die Verteidigungsindustrie unter 19 untersuchten Branchen mit 4,3 Prozent den stärksten Beschäftigungszuwachs. Insgesamt wurden für die Untersuchung 155 große börsennotierte Unternehmen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien betrachtet.











































